This post is also available in: Englisch

Man nennt sie “die drei männlichen Spiele”, bei denen die Typen, und in diesem fortschrittlichen Zeitalter auch ein paar Damen, in den drei Sportarten der Weisheit, des Mutes und der Kraft um Ehre, Anerkennung und ein paar Preise kämpfen können. Namentlich sind dies natürlich Pferderennen, Bogensport-Wettbewerbe und Ringkämpfe. Das Naadam Fest findet in der ganzen Mongolei an verschiedenen Daten statt, das Hauptevent wird jedoch in der Hauptstadt Ulaanbaatar vom 11 bis zum 13 Juli mit viel Pomp und traditionellen Kostümen veranstaltet.

Die Naadam Festlichkeiten dann auch zu überleben ist ziemlich simpel: trink viel (bevorzug natürlich Airag), schau nach links und rechts bevor du die Grasfläche überquerst (Achtung Pferde und Pfeile) und es ist wohl eine gute Idee, die Mitgliedskarte fürs Fitnessstudio, die seit Weihnachten im hintersten Schränkchen verstaubt hervorzuholen und sich vor dem Festival noch etwas in Form zu bringen. Wieso denn das, fragst du? Besseres Reaktionsvermögen um den besagten Pfeilen und Pferden auszuweichen, sowie mehr Kraft, um bei den üblichen Prügeleien um Sitzplätze in Zug oder Bus auch noch eine Chance zu haben.

Archery competition at Naadam

Bogensport am Naadam Festival: neuerdings können auch Frauen beim Bogenschiessen mitmachen.

Die Augen nach oben!

Als erstes musst du wissen, dass es keine gute Idee ist an Naadam so rumzulaufen, als wären die Augen auf den Boden geklebt. Es gilt: Blick nach vorne und Ohren auf! Ja, das Gras ist üppig und saftig grün und vielleicht denkst du gerade an den sexy Ringkämpfer von vorher, bei dem du nicht von der Sattelkante springen würdest – aber dank deiner Tagträume wirst du wohl eher von einem Pfeil getroffen oder einem Pferd überrannt.

Der Pferdeverkehr, wie auch die Pferderennen, sind halsbrecherisch und wenn ich etwas über mongolische Verkehrsregeln (egal welcher Art) gelernt habe, dann ist es die Tatsache, dass es nicht viele davon gibt. Die meisten Mongolen reisen mit dem eigenen Ross an und dementsprechend wird dann auch gerne wie wild durch die Gegend gebrettert. Sieht nach Spass aus und ich hätte öfters gerne mitgemacht, aber man muss jeder Zeit dazu bereit sein aus dem Weg zu springen.

Watch out for them youths on them pimped out horses!

Die Dorfjugend auf ihren tiefergelegten Hengsten.

Kämpfe um Leben und Tod: gibt’s jetzt auch an jeder Bushaltestelle!

Abgesehen vom Reiten haben Mongolen natürlich noch andere Interessen. Zu diesen gehören: viel Khuushuur futtern, spitze Hüte tragen, unglaubliche Mengen fermentierter Stutenmilch in sich hineinschütten und so tun, als wäre man ein menschlicher Bulldozer.

Wenn man Glück hat, wird man im Zuge dieses letzteren Hobbies nur aus dem Weg geschubst. Wenn’s schlimmer kommt, gibt’s schon mal einen Ellbogen in die Magengegend oder es bricht eine regelrechte Schlägerei aus. Und diese strikte Fleisch-Milch-und-Fett Diät, der sich sämtliche Mongolen unterziehen, gleicht die Überlebenschancen auch nicht gerade zu deinen Gunsten aus.

Ich habe diese Tendenz zur gelegentlichen Rücksichtslosigkeit schon an der chinesisch-mongolischen Grenze beobachtet. Eine streitsüchtige Dame, die dreimal breiter war als ich und so aussah, als esse sie zierliche kleine Dinger wie mich regelmässig zum Frühstück, schlenderte stinkfrech an einer Schlange fünfzig geduldig wartender Ausländer vorbei und quetschte sich prompt ganz vorne zwischen mich und die gelbe Linie. Meine hochgezogenen Augenbrauen erhielten als Antwort nur einen spöttischen was-willst-du-denn-dagegen-machen-Blick. Ich war jedoch nicht bereit das Opfer zu spielen, und schubste die doofe Schreckschraube prompt wieder aus der Warteschlange. Dies resultierte natürlich umgehend in einer lauten Rangelei vor den missbilligenden Augen mehrerer chinesischer Grenzbeamter.

Meine Katze, die ja öfters mal in so Sachen verwickelt ist, wäre stolz auf mich gewesen.

Wohlgemerkt, ich sah danach etwas zerzaust aus, aber ich habe gewonnen. Und das beste daran ist, dass ich nicht einmal verhaftet wurde.

crowds at naadam

Das halbe Land scheint sich an Naadam in der Hauptstadt zu versammeln.

Ich habe schnell gelernt, dass der Vorfall an der Grenze kein Einzelfall bleiben sollte. Die Grundhaltung im ganzen Land scheint sich oftmals entlang der Linie von “scheiss auf den da, scheiss auf den da drüben und scheiss auf dich, ich kann machen, was ich will” zu bewegen.

In einer Warteschlange anstehen? Welche Warteschlange?

Da die Mongolei so dünn besiedelt ist und da sich normalerweise einige Kilometer an Pufferzone zwischen den Jurten befindet, ist eine solche Einstellung ja meistens kein Problem. An einem gewöhnlichen Tag im absoluten Nirgendwo der Mongolei gibt es einfach keine Warteschlangen. Keine Menschenmassen, kein Problem.

Dann findet jedoch einmal im Jahr das Naadam Festival statt und vor allem in der Hauptstadt treffen da eine ganze Menge Leute aufeinander, die allesamt keine Ahnung davon haben, wie man korrekt ansteht. Situationen können daher schnell mal ausarten.

Eigentlich kann ich wohl froh sein, dass ich noch all meine Gliedmassen habe. Während der Dauer des Naadam Festes in Ulaanbaatar war ich jedes Mal, wenn ich in ein Fahrzeug steigen oder in ein Stadium gelangen wollte in ein derartiges Gerangel verwickelt, das in jedem anderen Land die Polizei mit Tränengas eingeschritten wäre. Als ob es sich nicht schon schlimm genug anfühlte, mit – und ich übertreibe nicht – gefühlten fünf Billionen Naadam Teilnehmern in einen überfüllten Bus gestopft zu werden, haben die Ellbogen in der Magengegend bei mir auch eher Panikattacken statt Glücksgefühle ausgelöst. Wenn in der Mongolei nämlich eine Menschenmenge auf den Bus oder Zug wartet kann man sicher sein, dass sobald sich die Türen öffnen, die ganze Masse mit aller Kraft und Härte und der Verzweiflung eines Todeskandidaten versucht, sich auf einmal Zutritt zum Fahrzeug zu verschaffen. Natürlich funktioniert es nicht, aber das hält niemanden davon ab, es trotzdem zu probieren.

Man muss sich wehren und in die Menge stürzen oder man wird wortwörtlich unter den Bus geworfen und im Chaos zurückgelassen.

Komische Outfits und (mehr oder weniger) hübsche mongolische Hintern

Hast du gewusst, dass viele der bekanntesten Sumoringer Mongolen sind? Nachdem man mal die Ringkämpfe an Naadam gesehen hat, tönt diese Aussage kaum überraschend.

Dschingis Khan hat bereits vor einigen hundert Jahren erkannt, dass der Ringkampf die perfekte Sportart ist, um die Streitkräfte bei Laune, in Form und in Kampfbereitschaft zu halten. Wer ein guter Ringkämpfer war, wurde in der Armee eher befördert und musste weniger Angst davor haben, im Krieg als Kanonenfutter an der Front zu enden. Bökh, wie der Ringkampf in der Mongolei genannt wird, bleibt bist heute die populärste mongolische Sportart. Während des Naadam Festivals bietet sich den Männern also die perfekte Möglichkeit, wieder mal ihre Fettröllchen in Richtung der regungslosen Damen zu schwenken und ohne Alters-, Zeit- oder Gewichtsbegrenzung um den Titel des “Titanen der Nation” zu kämpfen.

Klingt genial, oder?

Ich muss ehrlich sein, ich weiss nicht viel über die mongolischen Ringkampfregeln, habe aber verstanden, dass derjenige gewinnt, der die Knie, Ellbogen oder den Oberkörper des Gegners auf den Boden zwingen kann. Das beste am Bökh sind jedoch die leichtbekleideten Ringkämpfer, die in ihren engen Outfits in merkwürdigen Formationen durch das Stadion tänzeln. Neben dem ganzen verschwitzten Gerangel und auf-dem-Boden-rumgerolle beinhaltet der Ringkampf nämlich noch eine ganze Zahl eigenartiger Traditionen, die ich nicht einmal annähernd durchschaut habe: mal ein wenig gegenseitig umarmen, noch ein bisschen Dehnübungen hie und da, in Kreis tanzen… Kurz gesagt: es schien darum zu gehen, den Hintern in möglichst viele  verschiedene Himmelsrichtungen zu schwenken und damit das Publikum zu bezaubern.

Man schütze seine jungfräulichen Augen. 

Some stretching...

Der Ringkampf an Naadam: Mal ein bisschen dehnen…

Some hugging... real men show emotions or whatever

und umarmen… echte Männer zeigen schliesslich Gefühle, oder?

Some dancing...

Im Kreis tanzen…

And there is some wrestling happening as well.

Und dann gibt’s da noch den Ringkampf, so wie man sich den vorstellt.

Runter mit dem Airag!

Obwohl es zweifelsohne so einige eigenartige mongolische Gerichte und Getränke gibt, kann man einem davon auf keinen Fall entkommen: der sauren, leicht klumpigen, vergorene Stutenmilch, genannt Airag. Vergorene Stutenmilch und die Mongolei gehören nämlich zusammen wie Ginger Rogers und Fred Astaire. Es macht nicht gerade süchtig wie Crack, aber man sollte das Getränk vor allem während des Naadam Festivals dennoch unbedingt probieren.

Mein erster Schluck Airag brachte mich zum Würgen. Du musst mir glauben, dass ich eigentlich überhaupt nicht wählerisch bin und ich esse und trinke grundsätzlich alles, was mir vor die Nase gestellt wird. Dieser saure, kohlensäure- und alkoholhaltige Drink mit einem eindeutigen Hauch von geschmolzenem Käse war jedoch nicht etwas, was ich von Anfang an genoss. Die durchdringenden Blicke mehrerer Gastgeber zwangen mich aber praktisch dazu, dass ich jede mir offerierte Schale kommentarlos und mit dem Versuch keine Miene zu verziehen trank. Die Regeln der Gastfreundschaft in der Mongolei geben nämlich vor, dass jedem Gast eine Schale Milch sowie etwas Käse oder Cracker angeboten werden müssen. Und man will schliesslich die runzlige Grossmutter, die einem so voller Erwartung anschaut nicht enttäuschen, indem man seine Milch nicht austrinkt.

Und weisst du was, schnell habe ich mich an den Geschmack gewöhnt und wollte sogar noch mehr.

Airag, fermented mares milk

Mmmh!

Mit einer echten oder fabrizierten Laktoseintoleranz kann man sich übrigens aus dem Airag auch nicht rausreden. Der Fermentierungsprozess zerstört nämlich die Laktose und wandelt sie in Milchsäure, Ethanol und Kohlendioxid um und daher kann der Drink eigentlich von jedem genossen werden. Ziemlich genial das Ganze.

Da die Mongolen nach der vergorenen Stutenmilch absolut süchtig sind, werden an Naadam ganze Fässer aus den Jurten gerollt, worauf grosszügig mit riesigen Plastikkellen an alle Besucher ausgeschenkt wird. An einem der Nadaam Feste, welches ich auf dem Land besuchte, wurde ein grosses Fass mitten im Ringkampf-Ring platziert und es wurde sichergestellt, dass jeder Zuschauer im Laufe des Wettbewerbs mindestens eine Schale Airag erhielt. Vergorene Stutenmilch passt übrigens super zu Khuushuur, den köstlichen monglischen Fleischpasteten, die ebenfalls ein beliebtes Festival-Gericht sind.

Airag distribution crew at a countryside Naadam.

Airag-Verteilerzentrum (und Wrestler) an einer Naadam Feier auf dem Land.




2 Responses

  1. Karin

    Das ist ja wie ein Schwingerfest! (ich meine das in der Schweiz natürlich..haha!) Am ärgsten hätte ich es mit der Milch gehabt, aber alles in allem sieht dieses “Festival” ziemlich cool aus!!!

    Reply
    • Tiffany

      Haha genau, nur gibt’s am Ende keinen Muni als Preis, sondern ein Pferd 🙂 macht Spass und das mit der Milch würdest du natürlich auch packen!

      Reply

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

CommentLuv badge