This post is also available in: Englisch

Obwohl ich die verlassene Natur liebe, bin ich als Reisefotografin natürlich oft in beliebten Destinationen unterwegs und fotografiere bekannte Wahrzeichen. Normalerweise stehe ich da auch nicht alleine da und sehe meist noch viele weitere Fotografen, manchmal sogar ganze Fotografen-Horden, die ebenfalls an der gleichen Stelle ihre Stative aufgestellt haben. Ich habe daher oft die Möglichkeit, andere Fotografen bei der Arbeit zu beobachten. Die meisten machen das nur als Hobby, für einige andere ist es der Beruf – aber viele von ihnen haben etwas gemeinsam.

Ich bin oft erstaunt, dass ich die einzige bin, die sich bewegt und verschiedene Orte, Winkel und Objektive ausprobiert. Ich verbringe sogar erstaunlich viel Zeit einfach nur mit rumexperimentieren. Die meisten anderen Fotografen scheinen jedoch auf ihrem gewählten Quadratmeter regelrecht festgewachsen zu sein. Vor kurzem war ich zum Beispiel in Bern, der Hauptstadt der Schweiz unterwegs um die Altstadt zu fotografieren. Nun, Bern hat unglaublich viel zu bieten und ich war da über eine Stunde damit beschäftigt, alle nur möglichen Winkel abzuklappern: von der Brücke, über den Fluss und die Kirche bis hin zu den hübschen Ziegeldächern, ich rannte rauf und runter, hin und her. Während ich mir also verschwitzt an die 5 Blasen ansammelte (ja Leute, ich hatte die falschen Schuhe an), hatte sich ein weiterer Fotograf während der gesamten Zeit keinen Zentimeter bewegt.

High above Bern, Switzerland during the blue hour.

Hoch über Bern am Rande der blauen Stunde – ISO 100, 70mm, f/7.1, 25 Sekunden.

starred sun over Bern, Switzerland.

Unten bei der Brücke und dem Fluss während der goldenen Stunde – ISO 100, 13mm, f/9.0, HDR.

Vielleicht, aber nur vielleicht, wenn man schon hundert Mal Bern fotografiert hat und genau weiss, wo der allerbeste Winkel zu finden ist, kann man das machen. Aber in 99% der Fälle ist dies einfach keine gute Idee, denn am Ende des Tages geht dieser Fotograf mit 200 beinahe identischen Bildern der gleichen Landschaft nach Hause. Verbissen seinen gewählten Standort zu hüten ist wohl einer der grössten Fehler, den man machen kann.

Als ich mir meine erste DSLR gekauft habe und mich dazu entschloss, das Fotografieren von nun an ernst zu nehmen, bekam ich diesen wundervollen Tipp von einem anderen Fotografen. Er sagte: “Tiffany, sobald du mit einer Aufnahme zufrieden bist, beweg dich zur nächsten Location. Versuche nicht wegen ein paar Details stecken zu bleiben.” Ich habe mir diese Worte zu Herzen genommen und mich seither so gut ich konnte, auch immer daran gehalten. Abgesehen von den Grundregeln der Bildkomposition und dem Fotografieren während der korrekten Tageszeit, war dieser Ratschlag wohl einer der wichtigsten Faktoren, die mich schlussendlich dazulernen und besser werden liessen. Ständig in Bewegung zu bleiben half mir, Dinge zu sehen und Winkel zu finden, die ich mir sonst nie hätte vorstellen können. Ohne diesen tollen Rat, wäre ich wohl wortwörtlich ganz am Anfang meiner Lernkurve steckengeblieben.

The church and old town in Bern, Switzerland

Die Kirche und Altstadt in Bern – ISO 100, 12mm, f/9.0, 1/4 Sekunden.

Daher gebe ich diesen Rat an dich weiter: beweg dich! Wenn du während der goldenen und blauen Stunde fotografierst, wirst du wohl, abhängig von deinem Standort und den Wetterbedingungen, so an die 60 Minuten gutes Licht zur Verfügung haben. Nutze diese Zeit voll aus indem du so viele unterschiedliche Fotos wie nur möglich schiesst. Experimentiere, mach mal was Verrücktes, schraub ein anderes Objektiv ran, zoome rein, zoome raus, wechsle zwischen horizontalen und vertikalen Bildkompositionen, versuch mal eine super-weitwinkel Aufnahme, kreiere einen Sonnenstern oder beziehe noch einen Filter mit ein. Und denk dran, du kannst immer nochmals zu einer ganz bestimmten Komposition zurückkehren, wenn sie dir besonders gut gefällt und in der Zwischenzeit findest du vielleicht noch was besseres.

So mache ich das meistens: Ich schiesse 1-3 Fotos am gleichen Ort, bis ich mit der Aufnahme zufrieden bin oder weiss, das sie so nicht funktionieren wird und dann bewege ich mich zur nächsten Stelle. Und so mache ich weiter, bis das Licht weg ist. Manchmal kehre ich auch nochmals an einen Standort zurück und versuche das gleiche Foto unter verschiedenen Lichtverhältnissen zu schiessen. Zum Beispiel kreiere ich im ersten Foto einen Sonnenstern über dem Horizont, im zweiten versuche ich die bunten Wolken kurz nach Sonnenuntergang einzufangen und das dritte Foto kann dann das tiefe Dunkelblau der blauen Stunde und die künstlichen Lichtquellen zeigen.

Ich versuche immer im Hinterkopf zu behalten, dass ich nur für einen Tag an diesem unglaublichen Ort bin. Vielleicht kehre ich erst in ein paar Jahren hierher zurück, vielleicht sogar nie mehr und daher muss ich versuchen, die mir zur Verfügung gestellte Zeit so gut wie möglich zu nutzen. Nach der Bildbearbeitung, dem Aussortieren und Löschen bleiben normalerweise gegen die 30 unterschiedliche Fotos übrig, mit denen ich glücklich bin.

Bern, Switzerland. I loved the old Swiss houses down by the river. THis one was taken down by the river all the way zoomed in at 200mm.

Ich liebte die traditionellen Schweizer Wohnhäuser unten am Fluss – ISO 100, 50mm, f/9.0, 2 Sekunden.

Wenn du dich mit deiner Kamera nicht bewegst, schiesst du vielleicht ein tolles Foto, aber du verpasst 100% aller anderen Gelegenheiten. Rumexperimentieren ist nicht schlecht. Sicher werden einige Fotos nicht so rauskommen, wie du dir das vorgestellt hast, einige werden geradezu schrecklich aussehen, aber am Ende des Tages wirst du mit einer grossen Auswahl verschiedener Fotos auf der Speicherkarte nach Hause gehen, viele von ihnen geniale Aufnahmen auf die du sonst nie gestossen wärst. Zusätzlich lernst du auch noch etwas dabei, denn wenn du ständig in Bewegung bleibst und nach neuen Bildkompositionen suchst, wirst du schnell ein Gefühl dafür entwickeln, was funktioniert und was nicht. Dein kreatives Auge wird sich entwickeln und schlussendlich ein besserer Reisefotograf oder eine bessere Reisefotografin werden.

4 Responses

  1. Patrick

    Hi Tiffany,
    wirklich beeindruckende Bilder auf deiner Seite 🙂
    Und Bern ist wirklich ne schöne Stadt (auch wenn ich bisher noch nicht genug Zeit hatte, sie mir genauer anzusehen…)
    Seh ich genauso mit dem Experimentieren. Die Bilder kann man am Rechner immer noch gut selektieren.
    Wie machst du das eigentlich mit dem Stativ? Ich find’s immer ziemlich ätzend, das Teil auf und zusammen zu bauen…
    Benutzt du ne App um die Goldene oder Blaue Stunde zu bestimmen?
    Patrick
    Patrick recently posted…Hauptstadt der Toskana – FlorenzMy Profile

    Reply
    • Tiffany

      Danke für deinen Kommentar Patrick! Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, das Stativ ständig rumzuschleppen. Es ist jetzt einfach ein fixer Teil meiner Ausrüstung und meistens am Rucksack montiert. Aufstellen dauert bei mir nur ein paar Sekunden, nur die Beine ausziehen und fertig. Um die goldene und blaue Stunde zu bestimmen schaue ich meistens nur nach, um welche Zeit Sonnenuntergang (oder Aufgang ist) und bin dann eine Stunde vorher vor Ort. Meistens sind die Lichtverhältnisse dann 30 min vor und nach Sonnenuntergang am besten.
      Tiffany recently posted…Schniedel, Dödel und Fleischpeitschen: Ein Besuch im weltweit einzigen Penis-MuseumMy Profile

      Reply
  2. regina

    Hallo Tiffany, schön beschrieben. Die blaue Stunde entschädigt einen für ganz viel finde ich. Manchmal ist es nur schwierig, bei der Füller der Eindrücke und, wenn die Zeit drückt sein Wunschmotiv in dieser Zeit auch schießen zu können.

    Und sehr schöne Bilder. Im übrigen! Und schöner Blog:-)
    Liebe Grüße
    Regina

    Reply
    • Tiffany

      Danke liebe Regina. Ja manchmal ist man ganz schön überwältigt, aber es lohnt sich einfach immer wieder aufs neue in der blauen/goldenen Stunde raus zu gehen und zu fotografieren.

      Reply

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

CommentLuv badge