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Wir stehen am Rande der hohen Klippen und sehen zu, wie sich ein staubiger Pfad in Serpentinenkurven in die Tiefe zieht und schlussendlich im Dunst der frühen Morgensonne verschwindet.

Abgesehen von einem teuren Helikopterflug ist dieser Pfad der einzige Weg zum abgelegenen Dörfchen Supai, welches rund 16 Kilometer jenseits des Rests der Welt mit dem Versprechen einer kühlen Cola auf uns wartet. Die Havasupai, das Volk des blau-grünen Wassers, leben und gedeihen in diesem abgeschiedenen Seitenarm des Grand Canyon schon seit 800 Jahren, aber der Havasu Canyon ist neben dem Indianerstamm auch für die paradiesische Landschaft mit den hohen Wasserfällen und der üppiger Vegetation bekannt. Dieser Garten Eden inmitten der sonst so ariden Landschaft Arizonas ist kaum ein Geheimnis und der Tourismus ist heute die Haupteinnahmequelle der Havasupai, aber glücklicherweise hält die extrem abgelegene Lage und die harte Wanderung die Besucherzahl in Grenzen.

Jetzt, mitten im Winter, sind wir die einzigen Gäste im hübschen Canyon.

Hiking through Havasu Canyon on the way to Havasupai and Havasu Falls.

Während der vierstündigen Wanderung sehen wir ausser den Maultier- und Pferdekaravanen, die über die felsige Landschaft donnern, um Güter und die Post in das abgelegene Dorf zu bringen, keine Menschenseele. Tatsächlich ist Supai das einzig verbleibende Dorf in den USA, welches seine Schneckenpost noch mit dem Maultier geliefert bekommt. Und wir haben Glück, auch der Pöstler ist gerade auf dem Weg durch den Canyon.

Mit seinem verwitterten Lederhut und den Jeans sieht er aus wie ein Cowboy und er nickt uns freundlich zu, während er seine Fracht über trügerische Steine tiefer in den Canyon führt. Wir folgen, wenn auch langsamer. Nach stundenlanger Wanderung hat sich die Landschaft stetig verändert und wir stehen nun nicht mehr auf hohen Klippen mit Blick über ein weites Tal, sondern befinden uns in einer engen Schlucht, deren Wände so hoch sind, dass sie die Sonne fast gänzlich verbergen. Der Pfad, welcher tiefer und tiefer in diese Schlucht führt, besteht aus weichem Sand und Lehm, ein Mix, in den ein Kind liebend gern die Hände tauchen und mit der Masse fantasievolle Gebäude bauen würde. Auf diesem Pfad das Tempo zu halten ist jedoch schwieriger, da unsere Füsse immer wieder in den unebenen Grund sinken oder auf den vielen Steinen umknicken.

Und dann, wenn wir denken, dass wir die Kraft zum Weitergehen nicht mehr haben kommt die Erlösung und wir hören das Plätschern von Wasser, welches das kleine Nest der Zivilisation vor uns ankündigt.

Havasupai mail man on the way to deliver the mail to Havasupai village

Supai besteht aus kleinen, einstöckigen Häusern mit blätterndem, weissen Anstrich und grossen eingehegten Höfen und Feldern. Pferde vertreten sich angebunden im Schatten die Beine und warten darauf mit Gütern beladen zu werden, oder strecken ihre Köpfe über die Zäune in der Hoffnung auf eine kleine Aufmerksamkeit. Im Zentrum des Dorfes steht einsam das einzige Restaurant des Dorfes und gleich gegenüber, der noch kleinere Lebensmittelladen. Struppige Hunde schlafen dort, wo sie wohl vor Erschöpfung in der heissen Sonne umgefallen sind. Supai sieht vielleicht etwas verlottert und verfallen aus, ist aber gleichzeitig voller Leben.

Zwei Geschwister spielen inmitten des rostigen Gerümpels eines Vorhofes und jagen sich in einem wilden Spiel von Cowboys gegen Indianer zwischen den Hindernissen hindurch. Als das Mädchen uns müde Reisende auf dem Pfad entdeckt, rennt sie uns mit wild im Wind wehendem, schwarzen Haar entgegen.

„Peng, Peng, Peng“, ruft sie. Der grüne Plastikrevolver in ihrer Hand ist genau auf meine Brust gezielt. Ihr Bruder, der sich nur wenige Schritte dahinter befindet, hält eine ähnliche Waffe in der Hand.

„Jetzt bist du tot“, sagt sie, während ich eine dramatische, sterbende Pirouette mitten auf dem Pfad vorführe. Zwei Pferde, die faul zuschauen, zeigen sich wenig beeindruckt. Brendan füg an, dass das aber nicht sehr nett ist, zwei nichtsahnende Reisende einfach derart hinterhältig zu überfallen.

„Keine Angst, jetzt schiesse ich mit den wiederbelebenden Kugeln“, meint das Mädchen und rennt nach einigen weiteren „Pengs“ wieder davon.

Wiederbelebt machen wir uns also auf den Weg durchs Dorf Richtung Wasserfälle. Nach der langen Wanderung ist die Blase, die mein Fuss bereits in der ersten Stunde gebildet hat, taub. Ein netter Nebeneffekt, der sich leider nicht auf den Rest meiner Beine ausgebreitet hat. Jeder Schritt tut inzwischen weh, aber wir befinden uns auf den letzten zwei Meilen des Weges und ein Ende ist in Sicht.

Navajo Falls in Havasu Canyon

Schon bald werden wir vom Geräusch des fallenden Wassers begrüsst und hinter der nächsten Kurve im Pfad geniessen wir endlich unseren ersten Blick auf die pure Schönheit vor uns.

Weite Wasserströme fallen schnell und gerade in ein türkisblaues Becken, ziehen sich um grosse Felsbrocken und sammeln sich erneut in Flussform, um den Weg durch den Canyon fortzusetzen. Im Hintergrund leuchten die Wände des Canyon rot und orange im Sonnenlicht und kreieren eine Landschaft, die zu perfekt, zu idyllisch und zu surreal erscheint, um wahr zu sein.

Dieser unglaubliche Wasserfall, eingerahmt von blauen Bassins und leuchtend grünen Pflanzen in einer sonst staubig trockenen Wüstenlandschaft ist etwas, was man vielleicht auf der Leinwand oder in einem kunstvoll gemalten Gemälde erwartet, nicht aber im echten Leben, wo grosse Reisebusse Touristen meist zu hunderten an einem derart spektakulären Ort abliefern.

Aber hier sind wir, gänzlich alleine in diesem kleinen Paradies.

Havasu Falls in Havasu Canyon, bright blue and turquoise waterfall in the middle of the Arizona desert landscape.

Smaller waterfall in Havasu Canyon

Die Wanderung entlang des plätschernden Flusses tiefer in den Canyon stellt sich als ähnlich atemberaubend heraus. Es erscheint fast, als hätte sich ein Künstler einen Pinsel geschnappt und die Landschaft mit lebhaften Wasserfarben bemalt. Hinter jeder Felsenecke finden wir neue Wasserfälle. Manche sind klein und fliessen wie Treppenstufen über Steine im Bach, andere sind hoch und schmal. Was sie jedoch alle gemeinsam haben ist die unglaubliche türkise Farbe.

Schlussendlich erreichen wir den berühmtesten der Wasserfälle, Havasu Falls, und erkennen schnell, wieso diese Kaskade die Hauptattraktion im Canyon ist. Es schein kaum möglich, aber irgendwie leuchtet das fallende Wasser, welches in einem perfekten Bogen über eine orange, zerklüftete Klippe stürzt, noch eine Stufe blauer. Der grosse Pool darunter formt eine Oase aus grün und blau, in der Pflanzen üppig gedeihen. Hier stellen wir endlich die schweren Rucksäcke ab und schlagen das Zelt auf.

Obwohl die Luft mitten im Winter kühl ist, rollen wir die Hosenbeine nach oben und waten durch das meist nur kniehohe Wasser. Erstaunlicherweise ist das hübsche blau und der daruntergelegene schneeweisse Schlamm angenehm warm und fühlt sich auf unseren wunden Füssen wunderbar lindernd an.

Mooney Falls is the most stunning waterfall in Havasu Canyon..

Nachdem wir die Nacht schlotternd und in unsere dicksten Winterjacken eingewickelt im Schlafsack verbracht haben, entscheiden wir uns noch ein Stück weiter in den Canyon hinein zu wandern. Dort, so haben wir gehört, erwartet uns nämlich das geheime Schmuckstück des Havasu Canyon.

Wir erreichen Mooney Falls gerade in dem Moment, als die Sonne die Canyonwände erreicht und sich in einer Flut aus Licht in die Schlucht ergiesst. Als sich unsere Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt haben, sehen wir, wie der aus dem ehrfurchtgebietenden Wasserfall empor steigende Nebel zusammen mit dem Sonnenlicht einen mächtigen Lichtstrahl gebildet hat und wir finden uns im Angesicht solcher Schönheit sprachlos vor. Ein kaum erkennbarer Felsenpfad zieht sich entlang der Felswand und wir müssen auf den trügerischen Felsen wie Ziegen balancieren, um nicht mitsamt der Ausrüstung in die Schlucht zu stürzen. Aber wir fotografieren, bis die Batterien rot blinken, bevor wir unsere Rucksäcke wieder schultern und uns schweren Herzens auf den Nachhauseweg machen.

Plane deine Wanderung zu den Havasu Wasserfällen

  1. Am billigsten erreicht man die Wasserfälle via des 16km langen Wanderweges, die Wanderung ist jedoch anstrengend und nicht zu unterschätzen. Trage gute Wanderschuhe und achte darauf, dass alle Mitglieder deiner Gruppe einigermassen fit sind. Ist dies nicht der Fall, kann man Supai auch per Helikopter oder auf dem Pferderücken erreichen – man muss aber damit rechnen, eine Stange Geld dafür auszugeben.
  2. Eintritt kostet 35$, die Environmental Fee ist 5$ und ein Zeltplatz ist für 17$ pro Person und Nacht zu haben. Wer lieber etwas komfortabler übernachten will wird in der einzigen Lodge im Dorf ein Zimmer für 145$ finden (Stand Januar 2015).
  3. Ich schlage vor alles Essen selber in den Canyon zu bringen, da die Optionen in Supai ziemlich beschränkt und eher teuer sind. Vor Abreise sollte man auch prüfen, ob man genügend Wasser für die lange Wanderung dabei hat. Trinkwasser findet man im Canyon nämlich keines und kann nur in Supai oder auf dem Zeltplatz auffüllen.
  4. Beginne die Wanderung so früh wie möglich. Viele Leute unterschätzen die Distanz und kommen zu spät bei den Wasserfällen an, oder werden sogar von der Dunkelheit im Canyon überrascht. Wir begannen um ca. 9 Uhr zu wandern und erreichten die Wasserfälle um 13:30 Uhr. Somit blieb uns mehr als genug Zeit für eine grosse Entdeckungstour und die nötigen Fotostopps.
  5. Und, liebe Leute, vergesst nicht ein gutes Stativ und eure Filter mitzubringen, um diese wunderschönen Wasserfälle auch angemessen fotografieren zu können.

Über den Autor

Tiffany is a Swiss travel writer, digital nomad, and photographer, who, after a fateful journey through Africa, has decided to get her passport renewed, sell all her junk, and live out of a suitcase in various corners of the world, as well as share the experiences with other travel enthusiasts. This blog is intended to inspire you to pack your bags, leave everything behind for a while, and make you go discover the world. Check her out on .

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